Glas tiefroter Ginja-Sauerkirschlikör aus Portugal mit eingelegter Kirsche

Was ist Ginja? Sauerkirschlikör aus Portugal – Schweiz

Wer in Lissabon um zehn Uhr morgens an der Bar «A Ginjinha» am Largo de São Domingos steht, sieht etwas, das in der Schweiz Augenbrauen heben würde: Rentnerinnen, Anwälte im Sakko und Touristen mit Reiseführer trinken ein winziges Glas roten Likör, beissen auf eine eingelegte Sauerkirsche und gehen weiter. 1840 hat ein galizischer Mönch namens Francisco Espinheira diese Bar eröffnet – sie ist heute noch genau gleich gross wie damals (ungefähr so wie ein grosser Putzschrank) und verkauft genau ein Produkt. Ginja. Sauerkirschlikör. Portugals heimlicher Nationaldrink. In diesem Beitrag erkläre ich, was Ginja ist, woher sie kommt, wie man sie richtig trinkt – und wo man sie in der Schweiz kaufen kann, ohne nach Lissabon fliegen zu müssen.


Was ist Ginja eigentlich – und warum trinkt man sie seit dem 12. Jahrhundert?

Ginja (sprich «Schinscha»; in der Verkleinerungsform Ginjinha) ist ein portugiesischer Sauerkirschlikör. Die Basis bildet die Sauerkirsche Prunus cerasus austera – im deutschen Sprachraum als Morellenkirsche oder Schattenmorelle bekannt, im Englischen «Morello cherry». Im Gegensatz zur süssen Tafelkirsche hat sie eine messerscharfe Säure, einen dunkelrubinroten Saft und eine leichte Bittermandel-Note im Kern. Genau diese Schärfe macht Ginja aus. Eine süsse Kirsche im Schnaps würde nach Bonbon schmecken. Eine Sauerkirsche im Schnaps schmeckt nach etwas.

Der Likör wird hergestellt, indem man die Sauerkirschen mehrere Monate in Aguardente einlegt – einem klaren Weinbrand, meist aus Traubentrester. Dazu kommen Zucker, Zimt, manchmal Nelken oder ein Schuss Vanille. Der Alkoholgehalt liegt je nach Hersteller zwischen 12 und 24 Volumenprozent. Serviert wird Ginja in winzigen Gläsern (3 cl), pur, oft mit ein, zwei eingelegten Kirschen am Boden. Die berühmte Frage an der Bar lautet: «Com elas ou sem elas?» – «Mit ihnen oder ohne?» Die richtige Antwort ist immer mit. Wer ohne sagt, hat es nicht verstanden.


Wie wird Ginja hergestellt – und warum dauert das Monate?

Das Grundrezept ist beschämend einfach. Sauerkirschen waschen, Stiele weg, ab in das Glasgefäss. Zwischen die Kirschen kommen Zucker, eine Zimtstange, manchmal ein paar Nelken. Dann wird die ganze Sache mit Aguardente vínica (Weinbrand auf Traubenbasis) übergossen, bis alles bedeckt ist. Deckel drauf, dunkel stellen, fertig. Der einfache Teil ist vorbei.

Der schwierige Teil heisst Zeit. Eine Standard-Ginja zieht mindestens fünf Monate. Damit die Frucht ihre Säure, ihre Farbe und ihre ätherischen Öle vollständig in den Alkohol abgibt, braucht es Geduld. Die besten Hersteller im Douro lassen ihre Ginja zwei Jahre reifen. Dadurch entwickelt sich neben der Frucht eine blumige, fast harzige Tiefe – die Kirsche ist dann nicht mehr Kirsche, sondern Idee von Kirsche. Wer einen Likör in vier Wochen schreddert, bekommt rote Limonade mit Promille. Wer wartet, bekommt Ginja.

Die besten Sauerkirschen kommen übrigens aus drei portugiesischen Regionen: Óbidos und Alcobaça an der Westküste (kühl, feucht, atlantisch) und das Douro-Hochland, wo die Bäume auf rund 800 Metern Höhe stehen. Höhenlage und Temperaturschwankungen geben den Kirschen mehr Säure und Aromatik – das gleiche Prinzip wie bei guten Bergweinen. Mehr zur Geographie des Douro habe ich übrigens im Beitrag «Die 5 wichtigsten Weinregionen Portugals» ausgeführt.

Glasgefäss mit dunklen Sauerkirschen, die in Aguardente und Zucker mazerieren

Wo kommt Ginja her – von Mönchen bis zum Schokoladenbecher von Óbidos?

Die Spur führt – wie so oft in Portugal – zurück in eine Klosterküche. Im 12. Jahrhundert kamen Mönche des Zisterzienserordens aus der französischen Abtei Cîteaux ins westportugiesische Küstenland und gründeten dort 1153 das Kloster von Alcobaça. Sie brachten Wissen über Weinbau, Likörherstellung und Gartenbau mit – und stellten fest, dass die einheimischen Sauerkirschen sich hervorragend in Branntwein einlegen liessen. Anfangs war das Ergebnis eine medizinische Tinktur. Verdauungshilfe nach klösterlichen Festmahlen, Halsweh-Mittel im Winter (was im Übrigen auch heute noch hervorragend funktioniert).

Lissabon und Francisco Espinheira

Sieben Jahrhunderte später, 1840, eröffnete der galizische Mönch Francisco Espinheira in einer winzigen Ecke des Largo de São Domingos in Lissabon eine Bar mit nur einem Produkt: dem von ihm angerührten Sauerkirschlikör. Die Bar hiess schlicht «A Ginjinha» («Die kleine Ginja») und existiert bis heute, mit Marmorwänden, alten Auszeichnungen aus dem 19. Jahrhundert und einer Theke, an der die Stadt steht. Jeden Tag, jedes Wetter, jedes Alter. Ein Standort, der so kompakt ist, dass kein zweiter Mensch hinter die Theke passt – und der trotzdem seit 185 Jahren funktioniert. Effizient ist nicht immer gross.

Óbidos und die essbaren Schokoladenbecher

Im malerischen Mauerstädtchen Óbidos, etwa eine Stunde nördlich von Lissabon, hat sich eine andere Tradition entwickelt: Ginja wird dort nicht im Glas serviert, sondern in einem kleinen, essbaren Becher aus dunkler Schokolade. Du trinkst den Likör, beisst den Becher mitsamt Kirsche herunter, fertig. Zwei Genüsse, ein Schluck, kein Abwasch (das ist die Erfindung, die ich gern selbst gehabt hätte). Die Idee stammt aus den 1990er-Jahren, ist also relativ jung, hat sich aber in ganz Portugal etabliert.

2016 wurde Ginja de Óbidos e Alcobaça offiziell als geschützte geografische Angabe (IGP, im EU-Recht PGI) registriert. Damit darf der Name nur noch für Likör verwendet werden, der nach festen Vorgaben aus diesen beiden Regionen stammt – ein ähnliches Prinzip wie bei einem DOC-Wein. Ginja aus dem Douro nennt sich entsprechend einfach «Ginja» (ohne geschützte Herkunftsangabe), kann qualitativ aber locker mithalten.

Enge weiss getünchte Gasse im Mauerstädtchen Óbidos mit Ginja-Tradition

Wie trinkt man Ginja richtig – pur, kalt oder im Cocktail?

Die klassische Antwort ist trocken: pur, im 3-cl-Glas, bei 15 bis 17 °C. Nicht eiskalt – das tötet die Aromen ab –, aber auch nicht zimmerwarm im Sommer. Im Winter steht die Flasche bei mir im Wohnzimmerregal. Im Sommer wandert sie für 30 Minuten in den Kühlschrank, bevor sie auf den Tisch kommt. Punkt.

Ginja funktioniert sowohl als Aperitif (Säure und Süsse öffnen den Magen) als auch als Digestif (Zucker und Aguardente schliessen den Abend). Wer beides macht – Anfang und Ende – wird am nächsten Morgen vermutlich darüber nachdenken, ob er es vielleicht etwas übertrieben hat. Lebenserfahrung.

Drei Cocktail-Ideen, die wirklich funktionieren

  • Ginja Tonic: 4 cl Ginja, mit gut gekühltem Tonic Water auffüllen, Eis, Zitronenzeste. So einfach, so gut. Ähnlich wie ein Aperol Spritz, nur weniger orange und weniger Instagram.
  • Ginja Sour: 5 cl Ginja, 2 cl frischer Zitronensaft, 1 cl Zuckersirup, ein halbes Eiweiss. Schütteln bis die Schultern brennen. Ergibt einen samtigen, sauer-süssen Cocktail mit einer Krone aus Schaum.
  • Ginja mit Sekt: 1 cl Ginja in eine Flöte, mit trockenem Schaumwein (oder einem portugiesischen Bairrada-Espumante) auffüllen. Wie ein Kir Royal, nur mit mehr Charakter.

Zur Eröffnung gibt es noch eine vierte Variante, die viele unterschätzen: einen Schuss Ginja über Vanilleeis. Funktioniert wie ein Affogato, nur statt Espresso ein sirupartiger Sauerkirschlikör. Wer das einmal probiert hat, bestellt am nächsten Sonntag kein anderes Dessert mehr.


Wozu passt Ginja – Käseplatte, Schoggi und Magusto-Feuer

Ein Likör mit so viel Frucht und Säure verträgt mehr, als die meisten denken. Drei Pairings, die erstaunlich gut funktionieren:

  • Käseteller, vor allem mit kräftigem Käse. Roquefort, Stilton, ein gut gereifter Manchego oder ein älterer Sbrinz – die Salzigkeit des Käses und die Süsse der Kirsche neutralisieren sich auf eine Weise, die fast unfair gut ist. Konfitüre auf einer Käseplatte ist Standard. Ginja ist Konfitüre, die du trinken kannst.
  • Dunkle Schokolade, ab 70 %. Schoggi und Sauerkirsche sind eines der ältesten Pairing-Paare der Patisserie (siehe «Schwarzwälder Kirsch» – die Schwarzwälder haben sich da nichts ausgedacht, sondern eine portugiesische Idee in eine Backform gepresst). Ein Stück dunkle Lindt-Tafel und ein Schluck Ginja: bestes Sonntagabend-Programm.
  • Magusto. Am Martinstag (11. November) wird in Portugal traditionell Wein und junger Branntwein zu gerösteten Kastanien getrunken. Ein kleines Glas Ginja passt dort genauso gut – die Säure schneidet durch die mehlige Süsse der Castanha. Wer das nachstellen will: mehr zum Ritual und zur Methode im Beitrag «Wie man portugiesische Kastanien röstet».
Glas Ginja neben dunkler Schokolade und gereiftem Käse am Kaminfeuer

Worin unterscheidet sich Ginja von Kirschwasser, Cherry Brandy und Maraschino?

Vier rote Flaschen, vier völlig verschiedene Produkte. Hier die Kurzfassung, damit du im Coop oder am Apéro nicht durcheinanderkommst:

  • Kirschwasser (Kirsch): Klares Destillat aus vergorenen Kirschen, meist 40 % Vol., komplett trocken. Schweizer Klassiker (Zuger Kirsch, Basler Kirsch). Schmeckt nach Kirschstein, nicht nach Frucht.
  • Cherry Brandy: Süsslikör auf Weinbrand-Basis mit Kirschsaft oder -aroma. Häufig dünn, künstlich, im Backwarenbereich (Schwarzwälder Kirsch) beliebter als auf der Bar.
  • Maraschino: Aus der dalmatinischen Marasca-Sauerkirsche (Kroatien/Italien). Wird gebrannt und gesüsst – Hybrid aus Destillat und Likör. Klar in der Farbe, fast medizinisch im Geschmack, in klassischen Cocktails wie dem Aviation oder Hemingway Daiquiri unverzichtbar.
  • Ginja: Ungebrannt. Reine Mazeration der frischen Sauerkirsche in Aguardente, mit Zucker, Zimt und Geduld. Tiefrot, fruchtig, mit echter Frucht und echten Kirschen am Boden der Flasche.

Der wichtigste Unterschied: Ginja ist nicht destilliert. Die Frucht bleibt drin, im Glas, in der Flasche, im Geschmack. Das schmeckt man im ersten Schluck.


Häufige Fragen zu Ginja

Was ist Ginja?

Ginja ist ein portugiesischer Sauerkirschlikör. Sauerkirschen (Morellen) werden mit Zucker und Zimt mehrere Monate in Aguardente, einem Traubenbrand, mazeriert – nicht destilliert. Der Alkoholgehalt liegt je nach Hersteller zwischen 12 und 24 % Vol.

Wie trinkt man Ginja richtig?

Pur im kleinen 3-cl-Glas bei 15 bis 17 °C, klassisch mit ein, zwei eingelegten Kirschen. Sie funktioniert als Aperitif wie als Digestif – oder im Cocktail, etwa als Ginja Tonic oder Ginja Sour.

Was bedeutet «com elas ou sem elas»?

«Mit ihnen oder ohne?» – gemeint sind die eingelegten Sauerkirschen im Glas. Die traditionelle Antwort ist immer «com elas», also mit Kirschen.

Was ist der Unterschied zwischen Ginja und Kirschwasser?

Ginja ist ein Likör durch Mazeration – süss, fruchtig, tiefrot, mit echter Frucht. Kirschwasser ist ein klares, trockenes Destillat aus vergorenen Kirschen mit rund 40 % Vol. und schmeckt nach Kirschstein statt nach Frucht.

Wo kann ich Ginja in der Schweiz kaufen?

Bei Vall'doAido in Oberbuchsiten. Wir führen die Sequeirinha Ginja aus dem Douro – im Schweizer Lager und sofort lieferbar. Versand innerhalb der Schweiz ab CHF 250 kostenlos.


Wo kann ich Ginja in der Schweiz kaufen?

Bei Vall'doAido in Oberbuchsiten. Wir führen Ginja aus dem Douro – nicht aus Óbidos, sondern aus dem Hochland, wo die Sauerkirschen auf rund 800 m Höhe wachsen. Die Sauerkirschen werden dort mit dem Likör Carinus Est Original mazeriert, einer alten Klosterrezeptur aus dem Zisterzienserkloster São João de Tarouca (Beira Alta). Klosterherkunft trifft Klosterherkunft – stilistisch passt das.

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  • Ginja aus dem Douro: Sequeirinha Ginja, 0,5 l (CHF 25) – mazeriert mit Carinus Est Original (Klosterlikör), frische Sauerkirschen aus dem Douro, Zucker, natürliche Aromen. Etwas leichter im Alkohol als die Lissaboner Bar-Variante, perfekt als Aperitif oder Digestif.
  • Falls du lieber gleich beim Portwein bleibst: der Sequeirinha Porto Tawny Reserva ist der nächste Verwandte – auch süss, auch dunkel, auch aus dem Douro, aber aus Trauben statt aus Kirschen. Mehr dazu im Portwein-Beitrag (Vintage, Tawny, LBV).
  • Für die Käseplatte oder den Magusto-Abend: kombiniere die Ginja mit unseren Martaínha-Kastanien – das ist Portugal in zwei Bissen und einem Schluck.

Alles Schweizer Lager, sofort lieferbar. Versand innerhalb der Schweiz ab CHF 250 kostenlos, darunter zu fairen Konditionen. Wer es sich live ansehen will: Showroom in Oberbuchsiten, samstags meist von 9 bis 12 Uhr geöffnet.


Ginja ist eines dieser portugiesischen Produkte, die aussehen wie ein Souvenir und sich entpuppen wie ein kleiner Brunnen aus Geschmack. Eine Tradition, die seit 800 Jahren funktioniert, weil das Rezept fast nichts ist und das Ergebnis fast alles. Ein paar Sauerkirschen, ein Schnaps, etwas Zucker, Zimt – und sehr, sehr viel Geduld. Wenn du diesen Winter nach einem Likör suchst, der nicht nach Drogerie schmeckt und nicht so viel kostet wie ein Single Malt: Ginja. Mit den Kirschen, bitte.

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