Kastanien rösten: Martaínha & portugiesische Tradition

Kastanien rösten: Martaínha & portugiesische Tradition

In Portugal weiss man am Geruch in der Strassenecke, dass es November ist. Castanhas assadas – geröstete Kastanien – aus einer schwarzen Trommel über Glut, mit grobem Salz, fünfzig Cent das Tütchen, Hand wärmen inklusive. Bei uns in der Schweiz heisst das Ganze «Maroni», die Trommel steht meist vor dem Bahnhof, und das Tütchen kostet fünf Franken (Inflation, ich weiss). Aber das eigentliche Problem ist nicht der Preis. Es ist, dass die meisten zu Hause an gerösteten Kastanien scheitern: zu trocken, lassen sich nicht schälen, schmecken nach nichts. Der Grund ist fast immer das Gleiche: alte Kastanien aus dem Supermarkt, die seit Wochen liegen. Frische ist beim Rösten alles. Lass mich erklären, warum – und warum eine frische Martaínha-Kastanie aus Sernancelhe, im Herbst direkt aus der Ernte, alles ändert.


Was ist eine Martaínha-Kastanie – und was unterscheidet sie von der normalen Maroni?

Martaínha ist eine portugiesische Edelkastanien-Sorte aus der Region Sernancelhe (Beira Alta, zentrales Hochland). Sie ist eine von rund zehn Sorten, die unter dem Schutz der DOP Castanha dos Soutos da Lapa stehen. Drei Dinge, die sie aus der Masse heben:

  • Sie ist süsser. Höherer Zuckergehalt als die meisten gewöhnlichen Maroni-Sorten. Beim Rösten karamellisiert sie regelrecht.
  • Sie schält sich. Die zwei Häute (die harte äussere Schale und die dünne braune Innenhaut, episperma) lösen sich beim Rösten fast von alleine ab. Das ist der grosse Unterschied – wer einmal eine ungeschälte Maroni gegessen hat, weiss, wovon ich rede (bitter, lederig, kein Spass).
  • Sie ist gross und glänzend. Schöne hellbraune Schale, ein bisschen Speckglanz. Das ist nicht nur fürs Auge – grosse Kastanien rösten gleichmässiger.

DOP – warum das auf dem Sack steht

DOP heisst Denominação de Origem Protegida (die EU-Schwester von AOP/AOC). Der Name «Castanha dos Soutos da Lapa DOP» darf nur verwendet werden, wenn die Kastanien aus einer klar definierten Region stammen, von zertifizierten Sorten kommen und nach festgelegten Methoden geerntet wurden. In Portugal gibt es vier Kastanien-DOPs: Soutos da Lapa (Beira Alta, Martaínha und Longal), Padrela (Trás-os-Montes, Hauptsorte Judia), Terra Fria (Trás-os-Montes, 10 Sorten inkl. Martaínha) und Marvão (Alto Alentejo). Eine anonyme «Supermarkt-Maroni» kann alles Mögliche sein – eine Castanha Martaínha aus Sernancelhe ist genau eine Sache.

Frische ist alles

Bei uns im Showroom bekommt man die Martaínha als Castanha Martaínha im 1-, 3- oder 5-Kilo-Sack (ab CHF 10), 100 % portugiesisch, glutenfrei. Wir beziehen sie direkt von Soutos da Vila, einer Genossenschaft in Sernancelhe, die seit Jahrzehnten die alten Martaínha-Bäume bewirtschaftet. Geerntet wird im September/Oktober – was du im Herbst bei uns bestellst, war wenige Wochen vorher noch am Baum. Mehr zur Botanik und Geschichte im ersten Kastanien-Beitrag.


Was ist Magusto – und warum riecht es im November in Portugal überall nach Kastanien?

Magusto ist das portugiesische Kastanienfest. Der Name kommt vermutlich vom lateinischen magnus ustus – «grosses Feuer». Tradition: Vom 1. November (Allerheiligen) bis 11. November (São Martinho, der heilige Martin) wird in Dörfern und Städten ein Feuer entzündet, Kastanien werden hineingeworfen, dazu trinkt man jungen Wein oder Jeropiga – ein süsser, aufgespriteter Wein aus frischem Most und Weinbrand.

Das alte Sprichwort dazu: «No dia de S. Martinho, lume, castanhas e vinho.» Am Martinstag: Feuer, Kastanien und Wein. Punkt. Das ist im Grunde das ganze Konzept – und ehrlich gesagt eines der besseren Konzepte, die Portugal je gehabt hat.

In der Schweiz versuchen wir das jeden Herbst in Oberbuchsiten zu kopieren, mit unterschiedlichem Wettererfolg. Wer dabei sein will: einfach im Showroom melden, im Oktober/November steht jeweils ein Termin auf der Webseite.


Warum musst du Kastanien immer einritzen – und wie genau?

Wenn du Kastanien ohne Schnitt in den Ofen wirfst, passiert das Gleiche wie bei Popcorn ohne Geduld: sie explodieren. Innen ist Stärke und Wasser, beim Erhitzen baut sich Dampf auf, und irgendwann gibt die Schale nach. Klingt lustig, ist es nicht – ich habe einmal einen Backofen geputzt nach «ich habe doch nur eine Pause gemacht». Nie wieder.

Also: Zackenmesser (Tomatenmesser, Brötchenmesser, Hauptsache gezahnt). Das ist der entscheidende Punkt – die harte Kastanienschale ist glatt und rund, ein normales scharfes Messer rutscht ab und du landest mit der Klinge im Daumen. Die Zacken greifen, du brauchst kaum Druck. Bei uns im Showroom liegt immer eines griffbereit. Egal ob du nachher im Ofen, in der Pfanne oder über dem Feuer röstest – das Werkzeug ist immer dasselbe.

Kreuzförmig in die runde (gewölbte) Seite ritzen. Wichtig: nicht nur die harte Aussenschale durchtrennen, sondern auch die braune Innenhaut. Sonst löst sich die Haut später nicht. Wer es eilig hat, macht statt einem Kreuz nur einen geraden Schnitt – funktioniert auch, ist aber weniger schön zum Schälen.

Profi-Trick aus Portugal: die geritzten Kastanien für 20 bis 30 Minuten in lauwarmem Wasser baden lassen. Dadurch nimmt das Innere Feuchtigkeit auf, bleibt beim Rösten saftig, und die Schalen lassen sich noch leichter abziehen.

Hände ritzen mit einem Zackenmesser ein Kreuz in rohe Kastanien

Wie röstet man Kastanien richtig – im Ofen, in der Pfanne oder über dem Feuer?

Drei Methoden, drei Ergebnisse, alle gut. Was sie verbindet: geritzte Kastanien und grosszügig grobes Kochsalz. Was sie unterscheidet, ist Aufwand und Rauchigkeit.

Frisch geröstete Kastanien mit aufgeplatzter Schale in einer Pfanne über Glut

Im Backofen (die einfachste Variante)

Für die meisten zu Hause die beste Methode. Funktioniert immer, braucht keine Spezialausrüstung.

  1. Backofen auf 200 °C Ober-/Unterhitze vorheizen.
  2. Kastanien mit dem Zackenmesser ritzen (siehe oben). Optional: 20 Minuten wässern, dann abtropfen.
  3. Auf ein Backblech mit Backpapier legen, Schnitt nach oben, nicht stapeln.
  4. Grosszügig grobes Kochsalz darüberstreuen – eine ehrliche Prise pro Kastanie. Das Salz zieht beim Rösten in die offene Schale, würzt das Innere und gibt der Schale aussen die typisch helle Kruste.
  5. Eine kleine feuerfeste Schale mit Wasser dazustellen. Das hält die Kastanien innen saftig.
  6. Rösten für 20 bis 25 Minuten, je nach Grösse. Fertig sind sie, wenn sich die Schalen an den Schnittstellen deutlich öffnen und sich braun färben.
  7. Sofort in ein Küchentuch wickeln, fünf Minuten dampfen lassen. Dann schälen, solange sie heiss sind.

In der gusseisernen Pfanne (näher am Strassenstand)

Wenn du den Strassen-Effekt willst – kleine schwarze Stellen, rauchiger Geschmack – ist die Pfanne der Weg. Voraussetzung: gusseiserne Pfanne mit Deckel. Eine Teflon-Pfanne wirst du danach wegwerfen.

  1. Pfanne auf mittlerer Hitze trocken aufheizen (kein Öl, kein Fett).
  2. Geritzte Kastanien hineingeben, eine Schicht, nicht stapeln.
  3. Ein bis zwei Esslöffel grobes Kochsalz darüberstreuen. Das Salz verbrennt teilweise mit und gibt der Schale die charakteristische weisse Farbe.
  4. Deckel drauf, Hitze auf niedrig-mittel, alle 3 bis 4 Minuten schwenken. Nicht umrühren – schwenken.
  5. Nach 20 bis 30 Minuten sind sie fertig. Schalen an den Schnittstellen offen, einige dunkel, andere weisslich verkrustet.

Geschmack: intensiver als im Ofen, weil die direkte Kontakthitze mehr Röststoffe (Maillard-Reaktion) erzeugt.

Über offenem Feuer (die Magusto-Variante)

Für Romantiker und Gartenbesitzer. Authentisch portugiesisch, schmeckt am besten.

  1. Feuer machen, runterbrennen lassen bis zur glühenden Holzkohle (keine Flammen mehr).
  2. Spezielle Kastanienpfanne (mit gelochtem Boden) oder gusseiserne Pfanne ohne Deckel.
  3. Geritzte Kastanien, grosszügig Kochsalz, direkt über die Glut, etwa 10 bis 15 cm Abstand.
  4. Permanent schwenken. Wirklich permanent. Von «perfekt» zu «Holzkohle Kostüm» sind es zwei Minuten.
  5. Nach 15 bis 20 Minuten sind die Schalen dunkel angekohlt, das Innere ist gar.

Der traditionelle Trick: einen Schluck Rotwein oder Wasser kurz vor Schluss über die Kastanien giessen. Das Aufzischen löst Dampf, die Schalen springen auf, das Schälen wird zum Kinderspiel. Funktioniert nicht in der Wohnung, schon klar.

Warum sind Maroni vom Strassenstand aussen oft weiss?

Das ist einer der Fakten, die selbst eingefleischte Maroni-Liebhaber nicht kennen – und ich war auch etwa dreissig Jahre alt, als ich es zum ersten Mal verstanden habe. Die typische helle, fast weisse Farbe auf der Schale der Strassenstand-Maroni kommt nicht von Mehl, nicht von Asche, nicht von einer geheimen Beschichtung. Es ist verbranntes Kochsalz. Im Maroniofen werden die Kastanien zusammen mit einer grosszügigen Handvoll grobem Kochsalz geröstet. Bei den hohen Temperaturen verbrennt ein Teil des Salzes und lagert sich als weisse Kruste auf der Schale ab. Funktional ist das wie ein Trockenbad: das Salz entzieht Feuchtigkeit von aussen, die Schale wird trockener und löst sich leichter. Wer das zu Hause nachbauen will, gibt beim Rösten einfach grobes Kochsalz dazu – wird nicht ganz so weiss, aber der Effekt ist da.


Wie schält und lagert man Kastanien richtig?

Schälen ohne Fingerverbrennung

Hier scheitern viele. Drei Tricks: Erstens, schälen solange die Kastanien heiss sind – sobald sie kalt werden, klebt die Innenhaut fest. Zweitens, nach dem Rösten sofort in ein dickes Küchentuch wickeln und 5 Minuten dampfen lassen; der Dampf löst die Innenhaut. Drittens, zwei Tücher verwenden – eines zum Halten (gegen die Hitze), eines zum Abputzen. Kastanie auf die hohle Hand, mit dem Daumen die Schale wegklappen, fertig.

Wenn das Schälen trotzdem schwierig ist, war die Kastanie entweder nicht genug geritzt, nicht heiss genug, oder schlicht keine Martaínha. Bei einer guten Sorte rutscht die Haut praktisch alleine ab.

Rohe Kastanien lagern

Rohe Kastanien sind wie frische Pilze: viel Wasser, kurze Haltbarkeit. Zwei wichtige Regeln: trocken und kühl, aber nicht im Plastik (Plastik führt zu Kondenswasser, Kondenswasser zu Schimmel). Leinensack, Karton oder offene Schüssel im Kühlschrank. Und der Wassertest: Kastanien in eine Schüssel mit kaltem Wasser. Die, die schwimmen, sind leer oder verdorben – wegwerfen. So gelagert halten sie etwa zwei Wochen. Wer länger will: blanchieren (5 Min. in kochendem Wasser), abkühlen, schälen, einfrieren. Hält ein Jahr.

Übrigens: Wer in der Schweiz an Magusto kommt, sollte rechtzeitig bestellen. Unsere Martaínha-Kastanien sind Saisonware – im November/Dezember meist ausverkauft. Wer im Oktober bestellt, hat es leichter.


Was passt zu gerösteten Kastanien – ausser Wein?

Wenn beim Rösten kein Salz dazukam (oder zu wenig), unbedingt nachsalzen – grobes Kochsalz, Meersalz oder Fleur de Sel. Feines Tafelsalz nicht: das löst sich auf und du schmeckst nichts mehr. Ansonsten:

  • Wein: Klassisch der junge Rote der Region. Bei uns hierzulande funktioniert ein Douro Tinto oder ein süsser Tawny 10 Anos hervorragend.
  • Bier: Wenn du die Kastanien-Note ins Bier holen willst, gibt es das Barona Castanha – ein Smoked Brown Ale mit Castanha de Marvão DOP, also der Alentejo-Kastanie. Etwas rauchig, etwas süss, leicht anisartig.
  • Käse: Comté, Manchego, gereifter Bergkäse. Süsse Kastanien gegen salzigen Käse – schwer zu überbieten.
  • Süss: Honig, dunkle Schokolade, etwas Vanille. Klassisch das portugiesische «castanhas com mel».
Geröstete Kastanien mit einem Glas Rotwein und Tawny auf einem herbstlichen Holztisch

Was nicht funktioniert: Kastanien zu Hefeweizen. Schmeckt nach feuchtem Sägemehl. Ich habe es ausprobiert, du musst es nicht.


Häufige Fragen zum Kastanien rösten

Warum muss man Kastanien vor dem Rösten einritzen?

Weil sich beim Erhitzen im Inneren Dampf aufbaut – ohne Schnitt explodieren die Kastanien. Ritze sie kreuzförmig in die gewölbte Seite und durchtrenne dabei auch die braune Innenhaut, sonst löst sich die Haut später nicht.

Wie lange muss man Kastanien rösten?

Im Backofen bei 200 °C etwa 20 bis 25 Minuten, in der gusseisernen Pfanne 20 bis 30 Minuten, über offenem Feuer 15 bis 20 Minuten. Fertig sind sie, wenn sich die Schalen an den Schnittstellen deutlich öffnen.

Welche Kastanie eignet sich am besten zum Rösten?

Eine frische Martaínha aus Sernancelhe. Sie ist süsser als die meisten Marrone-Sorten, karamellisiert beim Rösten und lässt sich dank loser Innenhaut leicht schälen. Entscheidend ist die Frische – alte Supermarkt-Maroni werden trocken.

Wie lagert man rohe Kastanien?

Trocken und kühl, aber nie im Plastik (Kondenswasser führt zu Schimmel). Leinensack oder offene Schüssel im Kühlschrank, dann halten sie rund zwei Wochen. Wer länger lagern will, blanchiert sie kurz, schält und friert sie ein – so halten sie ein Jahr.

Wo kann ich frische portugiesische Kastanien in der Schweiz kaufen?

Bei Vall'doAido in Oberbuchsiten. Die Martaínha ist DOP-zertifiziert, frisch aus der Saison und im Schweizer Lager sofort lieferbar (solange der Vorrat reicht). Versand innerhalb der Schweiz ab CHF 250 kostenlos.


Wo kann ich portugiesische Kastanien in der Schweiz kaufen?

Bei Vall'doAido in Oberbuchsiten (Solothurn). Wir importieren die Martaínha direkt von der Genossenschaft Soutos da Vila in Sernancelhe, DOP-zertifiziert, frisch aus der Saison. Lagerung im Schweizer Lager, sofort lieferbar (solange der Vorrat reicht). Versand innerhalb der Schweiz ab CHF 250 kostenlos.

→ Alle Kastanien-Produkte ansehen

Wer wissen will, welcher Wein zu welchem Anlass passt, findet eine ganze Übersicht im Beitrag die fünf Weinregionen Portugals, die du kennen musst. Spoiler: Beira Interior und Beira Alta sind quasi Nachbarn der Kastanien.


Geröstete Kastanien sind kein Hexenwerk, aber sie verzeihen schlechte Kastanien nicht. Eine frische Martaínha aus Sernancelhe macht den Unterschied zwischen «trockene Maroni-Enttäuschung» und «warum habe ich nicht zwei Kilo gekauft». Ritzen mit dem Zackenmesser, grobes Kochsalz drauf, rösten, tuchen, schälen, essen – fertig. Glas Wein dazu, ein Feuer wäre schön, ein offenes Fenster reicht. Das ist Magusto in der Schweiz.

Hinterlasse einen Kommentar

Bitte beachte, dass Kommentare vor der Veröffentlichung freigegeben werden müssen.