Ein Glas Rotwein und ein Glas Weisswein nebeneinander auf einem Holztisch im warmen Nachmittagslicht

Sulfite im Wein: 5 Mythen – und was wirklich Kopfweh macht

Sulfite sind schuld am Kopfweh nach dem Rotwein. Das hört man dauernd. Nur enthält Weisswein mehr davon – und nach zwei Gläsern Riesling klagt selten jemand. Sulfite sind ein Konservierungsmittel, das den Wein vor Sauerstoff und unerwünschten Bakterien schützt. Ein Teil entsteht ohnehin von allein, bei der Gärung. Ab 10 Milligramm pro Liter muss «enthält Sulfite» auf dem Etikett stehen, und das schaffen praktisch alle Weine der Welt. Tatsächlich empfindlich sind 5 bis 10 Prozent der erwachsenen Asthmatiker. Hier sind fünf Mythen, die sich hartnäckig halten, und was heute wirklich über Kopfschmerzen nach Wein bekannt ist.

Was sind Sulfite im Wein und warum steht der Hinweis auf jedem Etikett?

Sulfite, chemisch Schwefeldioxid und in der Zusatzstoffliste als E220 geführt, haben im Keller zwei Aufgaben. Erstens binden sie Sauerstoff, damit der Wein nicht braun wird und nach müdem Apfel schmeckt. Zweitens bremsen sie Essigbakterien und wilde Hefen, die aus einer guten Flasche eine schlechte machen.

Das ist kein moderner Chemie-Trick. Fässer werden seit Jahrhunderten mit brennendem Schwefel ausgeräuchert, bevor Wein hineinkommt. Neu ist nur die Deklaration: In der Schweiz muss der Hinweis «enthält Sulfite» ab 10 Milligramm pro Liter auf dem Etikett stehen. Auf unseren portugiesischen Flaschen liest sich das oft als «contém sulfitos» – dieselbe Vorschrift, andere Sprache.

Der Hinweis ist eine Allergen-Kennzeichnung, kein Warnhinweis. Er sagt: Da ist etwas drin, das eine kleine Gruppe von Menschen betrifft. Er sagt nicht, wie viel drin ist. Genau da fangen die Missverständnisse an.

Winzer mit Messzylinder und Probierglas in einem portugiesischen Weinkeller mit alten Holzfässern
Die Dosierung ist Handarbeit: so wenig wie möglich, so viel wie nötig.

Mythos 1: Sulfite sind schuld am Kopfweh nach dem Rotwein

Das ist der grösste Irrtum, und er hält sich, weil «enthält Sulfite» das einzige Wort auf dem Etikett ist, das nach Chemie klingt. Eine echte Sulfitreaktion trifft aber die Atemwege: Husten, pfeifender Atem, ein Engegefühl in der Brust. Kopfschmerz gehört nicht zum typischen Bild.

Die wahrscheinlicheren Verdächtigen sind unspektakulär. Alkohol entwässert und wird im Körper zu Acetaldehyd abgebaut, einem Stoff, der Kopfschmerzen macht. Dazu kommen Histamin und Tyramin, die in Rotwein reichlicher vorkommen als in Weisswein. Und die Menge, über die niemand gern spricht.

2023 hat ein Team der University of California in Davis eine interessante Spur gelegt. Apramita Devi, Morris Levin und Andrew Waterhouse zeigten in Scientific Reports, dass Quercetin-3-Glucuronid – ein Abbauprodukt eines Traubeninhaltsstoffs – das Enzym ALDH2 hemmt. Genau dieses Enzym baut Acetaldehyd ab. Wird es gebremst, staut sich der Stoff an, und der Kopf merkt das. Passend dazu enthält Rotwein 4 bis 93 Milligramm Quercetin pro Liter, Weisswein nur Spuren bis 7 Milligramm. Ehrlich bleiben muss man trotzdem: Das war eine Laborstudie an Enzymen, keine an Menschen. Die Autoren schreiben selbst, dass der Test am Trinker noch aussteht.

Was praktisch hilft: Wasser dazwischen, etwas essen, und auf den Alkoholgehalt schauen. Ein Wein mit 13 Prozent liefert pro Glas spürbar weniger Alkohol als einer mit 15. Unsere Weine aus dem Dão und der Beira Interior liegen fast alle zwischen 12,3 und 13,3 Prozent – nicht aus Diätgründen, sondern weil die Höhenlagen dort kühlere Nächte haben.

Portal da Estrela Tinto 2021 Dão DOC, portugiesischer Rotwein mit 13 Prozent Alkohol
Trocken, 13,0 % Alkohol
Portal da Estrela Tinto 2021 Dão DOC

Trockener Rotwein aus dem Dão. Trockene Rotweine kommen mit der kleinsten Sulfitdosis aus, weil ihre Tannine selbst gegen Sauerstoff arbeiten.

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Mythos 2: Rotwein enthält mehr Sulfite als Weisswein

Es ist umgekehrt. Rotwein bringt seinen eigenen Schutz mit: Tannine aus Schalen und Kernen sind natürliche Antioxidantien, deshalb braucht der Winzer weniger Schwefel. Weisswein hat diesen Puffer nicht und wird höher dosiert. Ganz oben stehen die süssen Weine, denn Restzucker ist Futter für Hefen und Bakterien. Ohne kräftigen Schutz gärt eine süsse Flasche irgendwann fröhlich weiter.

Die gesetzlichen Höchstwerte der EU – nach denen jeder portugiesische Wein produziert wird – bilden das genau ab. Was tatsächlich in der Flasche landet, liegt in der Praxis deutlich darunter:

Weintyp EU-Höchstwert Übliche Praxis
Trockener Rotwein 150 mg/l 40 bis 80 mg/l
Trockener Weisswein, Rosé 200 mg/l 60 bis 120 mg/l
Wein mit Restzucker, rot 200 mg/l je nach Zuckergehalt
Wein mit Restzucker, weiss 250 mg/l je nach Zuckergehalt
Edelsüsse Spezialitäten 300 bis 400 mg/l 150 bis 300 mg/l

Wer also Sulfite meiden will und deshalb vom Rotwein auf einen halbtrockenen Weissen wechselt, hat sich verrechnet. Der Weg führt in die andere Richtung: trocken, rot, fertig.

Souvall Colheita Selecionada Branco 2023, trockener portugiesischer Weisswein aus der Beira Interior
Trocken, 12,8 % Alkohol
Souvall Colheita Selecionada Branco 2023

Fernão Pires, Malvasia und Arinto aus Granitböden. Trocken ausgebaut, also ohne Restzucker, der zusätzlichen Schutz nötig machen würde.

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Bei den Süssweinen gilt das Gegenteil. Ein Moscatel oder ein Portwein braucht mehr Schutz als ein trockener Douro. Dafür trinkt man davon ein Dessertglas und nicht einen halben Liter.

Brejinho da Costa Moscatel Roxo 2016, portugiesischer Süsswein aus der Rebsorte Moscatel Roxo
Süss, 16,5 % Alkohol
Brejinho da Costa Moscatel Roxo 2016

Der Beweis für die Regel: Restzucker braucht Schutz. Jahrgang 2016, Dörrfrucht und Orangenschale, ein kleines Glas nach dem Essen.

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Mythos 3: Es gibt Wein ganz ohne Sulfite

Gibt es nicht. Hefe produziert während der Gärung selbst Schwefeldioxid, ganz ohne Zutun des Winzers. Auch in einem Naturwein, bei dem niemand etwas zugesetzt hat, stecken 3 bis 10 Milligramm pro Liter. Korrekt heisst so eine Flasche deshalb «ohne zugesetzte Sulfite» und nicht «sulfitfrei».

Wer die Zugabe stark reduziert, geht ein Risiko ein: Der Wein oxidiert schneller, ist anfälliger für Fehltöne und verzeiht Transport und Lagerung weniger. Das kann grossartig sein, wenn Traubenmaterial und Kellerhygiene stimmen. Und ziemlich daneben, wenn nicht. Wie schnell Sauerstoff arbeitet, siehst du an jeder offenen Flasche im Kühlschrank.

Und weil es regelmässig gefragt wird: Bio-Regelwerke setzen tiefere Sulfit-Obergrenzen an als das allgemeine Weinrecht. Bio heisst also weniger, nicht null.

Mythos 4: So viel Sulfit wie im Wein steckt sonst nirgends drin

In einer 0,75-Liter-Flasche trockenem Rotwein stecken insgesamt rund 30 bis 60 Milligramm Sulfit. Bei Trockenfrüchten liegen die gesetzlich erlaubten Höchstmengen je nach Fruchtart zwischen 500 und 2000 Milligramm pro Kilogramm. Eine Handvoll getrocknete Aprikosen kann damit mehr Sulfit liefern als die ganze Flasche Wein, die daneben steht.

Beruhigend ist, wie selten die Grenzen gerissen werden: Das CVUA Stuttgart fand zwischen 2020 und 2025 bei 3 von 184 untersuchten Trockenfrucht-Proben eine Überschreitung. Sulfite stecken ausserdem in Essig, in getrockneten Kartoffelprodukten, in Trockengemüse und in manchen Meeresfrüchten.

Wer nach zwei Gläsern Rotwein Kopfweh bekommt, aber ungerührt eine Schale Dörraprikosen leert, hat sich vermutlich für den falschen Verdächtigen entschieden.

Schale mit getrockneten Aprikosen und Rosinen neben einem Glas Rotwein auf einem Küchentisch
Die Schale links liefert oft mehr Sulfit als das Glas rechts.

Mythos 5: Viele Menschen vertragen Sulfite nicht

Die Gruppe ist klein und ziemlich klar umrissen. Nach Einschätzung des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung reagieren 5 bis 10 Prozent der erwachsenen chronischen Asthmatiker unterschiedlich stark auf Sulfite. In der Gesamtbevölkerung ist der Anteil deutlich kleiner. Wer betroffen ist, merkt es meist an den Atemwegen oder an Hautreaktionen wie Nesselsucht.

Zur Menge: Die europäische Behörde EFSA hatte 2016 einen Richtwert von 0,7 Milligramm Schwefeldioxid pro Kilogramm Körpergewicht und Tag festgelegt. 2022 wurde dieser Wert zurückgezogen, weil die Datenlage für eine saubere Ableitung nicht ausreichte. Das ist kein Alarmsignal, sondern wissenschaftliche Ehrlichkeit: Man weiss weniger genau, als man gern wüsste.

Ein Rat: Wenn du wirklich empfindlich reagierst, kauf nicht die teurere Flasche, sondern die trockenere. Trockener Rotwein und trockener Rosé bringen dich weiter als jedes Etikett mit dem Wort «natürlich» darauf. Bei uns enthalten prinzipiell alle Weine Sulfite.

Souvall Rosé 2024 Beira Interior DOC, trockener portugiesischer Rosé mit 12,3 Prozent Alkohol
Trocken, 12,3 % Alkohol
Souvall Rosé 2024 Beira Interior DOC

Der leichteste Wein in dieser Liste. Trocken ausgebaut, gut gekühlt, und mit 12,3 Prozent der freundlichste Kandidat für einen langen Abend.

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Häufige Fragen

Machen Sulfite im Wein Kopfschmerzen?

Bei den allermeisten Menschen nicht. Eine echte Sulfitreaktion zeigt sich an den Atemwegen, nicht am Kopf. Für Kopfschmerzen nach Wein sind Alkohol, Acetaldehyd, Histamin und die getrunkene Menge die naheliegenderen Erklärungen. Die Forschung aus Davis von 2023 zeigt zusätzlich auf Quercetin als möglichen Mitspieler – bisher allerdings nur im Labor.

Welcher Wein hat am wenigsten Sulfite?

Trockener Rotwein. Seine Tannine wirken selbst antioxidativ, deshalb genügen in der Praxis 40 bis 80 Milligramm pro Liter. Trockener Weisswein und Rosé liegen höher, süsse Weine am höchsten.

Was bedeutet «enthält Sulfite» auf dem Etikett?

Dass der Wein mehr als 10 Milligramm Schwefeldioxid pro Liter enthält. Das ist eine Allergen-Kennzeichnung für empfindliche Personen und trifft auf praktisch jeden Wein zu, auch auf sehr gute. Mehr zu den übrigen Angaben auf der Flasche steht in unserem Beitrag über das portugiesische Weinetikett.

Gibt es Wein ganz ohne Sulfite?

Nein. Die Hefe bildet bei der Gärung selbst 3 bis 10 Milligramm pro Liter. Flaschen ohne Zugabe heissen korrekt «ohne zugesetzte Sulfite».

Woran merke ich, dass ich Sulfite nicht vertrage?

Typisch sind Atembeschwerden, Husten oder Hautreaktionen kurz nach dem Verzehr, oft auch nach sulfithaltigen Lebensmitteln wie Trockenfrüchten. Bei Verdacht gehört das abgeklärt und nicht im Weinregal beantwortet.

Wo kaufe ich trockenen portugiesischen Wein in der Schweiz?

Bei Vall'doAido liegt alles im Schweizer Lager und geht sofort raus. Wir importieren direkt bei den Familienbetrieben in Portugal, vom Dão über die Beira Interior bis ins Douro.

Drei trockene portugiesische Weine: Portal da Estrela Tinto, Souvall Colheita Selecionada Branco und Souvall Rosé
Drei trockene Klassiker aus dem Sortiment: Dão-Rotwein, Beira-Interior-Weisswein und Rosé.

Trocken, ehrlich, aus Portugal

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Unterm Strich: Sulfite gehören zum Wein wie der Korken zur Flasche, und für die allermeisten sind sie kein Thema. Wenn dich der Kopf am nächsten Morgen trotzdem grüsst, liegt es fast immer an dem, was daneben auf dem Etikett steht – dem Alkoholgehalt. Und daran, wie oft nachgeschenkt wurde.

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